Yang Family Tai Chi Chuan in Kiel, Schleswig-Holstein - Thilo Krienke

Kraft durch Kraftlosigkeit

Kraft durch Kraftlosigkeit: ein scheinbarer Widerspruch. Im Zusammenhang mit dem Tai Chi Chuan gesellen sich viele scheinbare Widersprüche zueinander: Das Schwache überwindet das Starke; das Weiche zerstört das Harte; das Langsame überrundet das Schnelle ...


Wie kann das sein? Wie darf man sich das vorstellen? Wenn das Tai Chi wirklich das höchste Prinzip im Universum sein sollte, dann müsste sich all dieses auch in allem anderen zeigen.


Wie sieht es zum Beispiel mit der Elektrizität aus? Ein feiner Kupferfaden kann einen schwachen, elektrischen Strom transportieren. Fügt man mehrere Kupferfäden zusammen, so entsteht ein Kupferdraht. Dieser kann einen etwas stärkeren Strom führen. Kommen viele solcher Drähte zusammen, und kommen immer weitere hinzu, so entsteht irgendwann ein Hochspannungskabel. Der einzelne Kupferfaden hätte eine Menge Respekt vor dem, was in ihm und um ihn herum passiert, wenn er denn überhaupt wüsste, was da los ist! Zu seinem Glück braucht er aber nur einen kleinen Teil der Last zu tragen.


So ist es auch mit der Körperarbeit beim Tai Chi Chuan. Die einzelne Muskelfaser ist schwach. Ziehen jedoch alle Fasern des Körpers gemeinsam an einem Strang, ist der Körper stark. Selbst ein kleingewachsener Mensch kann - wenn er lange und prinzipiengerecht geübt hat - mit einer nahezu beliebig großen Kraft umgehen, wann immer sie auf ihn einwirkt. Voraussetzung ist, dass er sich in Weichheit übt und auch im Kontakt mit der von außen kommenden Kraft weich bleibt. Dann fließt es! Hinein und Hinaus. Yin und Yang. Tai Chi.


Also ist es wichtig, dass wir uns in Weichheit und Kraftlosigkeit üben, um die sogenannte "wesentliche Kraft" des Tai Chi Chuan zu erzeugen. Daraus kann dann nach Belieben auch Härte entstehen. Tai Chi ist Weichheit und Härte. Im Umgang mit der gegnerischen Kraft sind wir weich. Möchten wir diese Kraft zurückgeben, so werden wir am Höhepunkt der Bewegung für einen kurzen Moment hart, um sofort wieder weich zu werden.


Um diese Fähigkeit zu erreichen, üben wir langsam. In der Langsamkeit können wir so trainieren, dass sich jede Muskelfaser - jeder "Kupferfaden" - daran gewöhnt, auch angesichts großer Gefahr entspannt zu bleiben. Innerlich bleiben wir ungerührt und gelassen. Äußerlich sind wir fest wie ein Berg und fließend wie ein reißender Strom: ganz so, wie die Situation es erfordert.